Ich bin mit sehr spärlichen Russischkenntnissen in die größte Stadt Europas (rund 11,55 Mio. Einwohner) gereist. Ich bin den Kulturschock im Zeitraffer durchgegangen: erste Begegnung mit einem Moskauer (mein Taxifahrer), die Liebe für den Vodka (mein "Gastonkel"), die etwas ungehaltene Art der Russen gegenüber Fremden, die Moskauer Metro und die russische Gastfreundschaft.
Ich bin mit sehr spärlichen Russischkenntnissen in die größte Stadt Europas (rund 11,55 Mio. Einwohner) gereist. Ich bin den Kulturschock im Zeitraffer durchgegangen: erste Begegnung mit einem Moskauer (mein Taxifahrer), die Liebe für den Vodka (mein "Gastonkel"), die etwas ungehaltene Art der Russen gegenüber Fremden, die Moskauer Metro und die russische Gastfreundschaft.
Gegen 14:30 örtlicher Zeit landet die OS-601 aus Wien in Moskau. In dem Flugzeug, an einem Fensterplatz, sitzt eine Rothaut und schaut neugierig aus dem Fenster. Diese Rothaut bin ich. Bei der Landung tönt Tschaikovsky aus den Lautsprechern. Der Höhepunkt des Nussknackers ertönt genau in dem Moment in dem wir aufsetzen, als ob der Pilot dies genau geplant hätte. Soweit also alles gut.
Ich komme ohne Probleme durch den Zoll und finde schnell den Fahrer, der "Liden&Denz. Michel - Stefano" auf seinem Schild stehen hat. Als ich auf ihn zulaufe und mich vorstelle schießt mir ein Schwall an russischem Wortschatz entgegen. Ich sage den Satz den ich wohl am meisten in nächster Zeit benutzen werde: "Я плохо говорю по-русски" (Ich spreche kein gutes Russisch). Stefano treffen wir auf dem Parkplatz am Rauchen. Er spricht schon fließend Russisch und hat schon einmal einen Sprachkurs in St. Petersburg gemacht. Ich fange an Fotos zu machen und versuche dem Fahrer und Stefano beim unterhalten zuzuhören. Der Verkehr wird immer dichter und ich merke schnell, dass der sog. "chaotische Straßenverkehr" Brüssels, Limas, Santiagos und selbst Neapels (!) einer geordneten Militärparade ähnelt, wenn man ihn mit Moskaus Straßenverkehr vergleicht: Die Blinker sind anscheinend nur zur Dekoration da (Ausnahme: um die Ausfahrt zu nehmen), man überholt von links, rechts, oben und unten, man hupt nie, man drängelt ständig. Und als ob das nicht genug wäre, textet, telefoniert und gestikuliert der Fahrer ständig am Steuer. Wenn ich meinen Mund öffne um etwas zu sagen, dreht er sich bei 110km/h höflicherweise zu mir nach hinten um und wartet, bis ich ausgeredet habe sodass ich bald etwas stiller werde. So fahren wir zu Rock n Roll Musik (ACDC's "Highway to Hell") durch Moskau, im Rücksitz eine inzwischen etwas bleich gewordene Rothaut.
Mit der weile adaptiere ich mich an den etwas ungewöhnlichen Moskauer Fahrstil und bewundere bald die alten Bauten und Statuen die sich vor mir aufbauen. Lenin Straße, Petersburger Straße, Leningrader Straße vorbei an einer Leninsstatue und einer Gorkistatue. Ich werde in meiner Straße abgesetzt.
Draußen wartet ein dicklicher, etwas älterer Herr auf mich. Er trägt eine Militärhose und ein schwarzes T-Shirt mit weißer Aufschrift. Seine Haare und sein langer wuscheliger Bart sind ansatzweise grau, in der Mitte seines Kopfes bildet sich eine Glatze. Seine Haut ist leicht rötlich und beim nähertreten schießt mir ein leicht säuerlicher Geruch entgegen. "Привет. Мeня завут Миша" (Hallo. Ich heiße Michel), stelle ich mich vor. Er stellt sich als Alexeij vor und wir steigen in einen alten Aufzug. Dort stellt er mir die Frage die ich wohl am meisten in nächster Zeit hören werde: "Do you love Vodka?". Zwei Minuten später sitzen wir an einem Tisch und trinken. Immer erst ein kleines Glas Vodka ,dann einen Schluck süßen Tee hinterher. Das dritte Glas Vodka ist mit Knoblauch versetzt ("Ich liebe Knoblauch mit Vodka", erklärt er mir über Google Translate); nicht sehr lecker.
Heute war ich zum ersten mal bei Liden&Denz. Ich komme verspätet an, da ich die Zeitverschiebung verplant habe. Ich werde in den "Beginners-Course" gepackt und sitze im nächsten Moment mit 10 anderen Schülern in einem kleinen Klassenraum. Meine Klasse ist sehr international: es gibt einen Südkoreaner, eine Italienerin, eine Südafrikanerin, einen Franzosen, einen Spanier, eine Japanerin, einen Slowaken, eine Engländerin und zwei Deutsche in meiner Klasse. Unterrichtet wird von Katja, einer jungen Blondine. Der "Beginners-Course" stellt sich als nicht ganz so "Beginner" heraus (das Alphabet und etwas Vokabular werden vorausgesetzt), was mir zugutekommt, da ich ja schon ein Semester Russisch gelernt habe. Nach 50 Minuten gibt es jeweils 10 Minuten Pause. In der Pause lerne ich Jon, den Südkoreaner, kennen. Jon ist schon 49, sieht aber aus wie Ende 20 ("Asians", kommentiert mein Sitznachbar). Er arbeitet als Medical Doctor und gönnt sich jetzt 2 Jahre Auszeit, um eine Weltreise zu machen. Wir reden über Santiago de Chile (eine seiner Etappen), Baseball und russische Frauen. Ansonsten lerne ich noch ein paar interessante Leute kennen: Mikel (aus der Slowakei) studiert Jura und Bauingenieurwesen paralell und betreibt gleichzeitig eine Firma mit seinen Freunden. Sebastian (Deutschland) spielt Klarinette und war so schon mit seinem Orchester in Novosibirsk und Sankt-Petersburg. Schließlich lerne ich noch Emily aus England, die ebenfalls eine Weltreise macht, sowie ein anderes Mädchen, (dessen Name ich mich nicht mehr erinnere, die auch in Passau im 2. Semester studiert), kennen... Die Welt ist klein.
Ich machte Nachmittags mit Freunden eine kleine Exkursionstour durch Moskau. Nach dem Unterricht sind wir, dass sind Jon (der Südkoreaner), Mikel (der Slowake), Pablo (ein Spanier), Ewald (ein Deutscher), Stefano (ein Italiener) und Ich, erst einmal essen gegangen . Danach nahmen wir die Metro bei "Beloruskaya"-Station und fuhren bis zur Moskauer Universität. Die Universität ist eine der "7 Schwestern" (7 Riesige Gebäude, die in den letzten 10 Jahren der Stalin-Herrschaft gebaut wurden; jedes Gebäude hat auf seiner Spitze einen Sowjetstern) und wurde 1953 fertiggestellt. Sie ist symetrisch aufgebaut, sodass ich von jeder Seite fast das gleiche Bild bekomme. Ich bin schwer beeindruckt von der Größe der Universität und fühle mich auf einmal ganz klein. Mir fällt ein, wie mein Geschichtslehrer mal gesagt hat, dass das Gruppengefühl in der Sowjetunion durch solche großen Gebäude verstärkt wurde, da man sich als Individuum (außerhalb des Kollektivs) auf einmal nichtbedeutend fühlte. Ich kann das nur bestätigen.
Nachdem wir an der Universität waren, irrten wir ein bisschen durch die Gegend bis wir einen Aussichtspunkt fanden, von dem man die ganze Stadt sehen konnte. Wir blieben dort eine Weile und bewunderten den Ausblick. Danach nahmen wir zusammen die Metro zurück.
Zuhause angekommen bekam ich erstmal etwas zu Essen von meiner Gast-Babuschka. Abends kam dann Federico an. Mit Federico, meinem Mitbewohner aus Italien, verstehe ich mich sehr gut. Er ist so etwas wie mein Übersetzer und Lehrer wenn ich mal etwas einkaufen muss oder meine Hausaufgaben mache. Nachmittags geht er immer skaten mit seinen russichen Freunden. Federico skatet schon seit 7 Jahren und ist richtig gut drin (er hat mir "youtube"-Videos von sich gezeigt).
Mittwoch ging ich mit Hyun und Linda, einer Italienerin aus meinem Kurs, zu Burganov's Haus. Alexander Burganov ist ein Weltbekannter Skulptor, der so ziemlich in jede Richtung geht: einige seiner Skulpturen sind Memoriale an Verstorbene, andere einfach nur abstrakter Natur. Der Eintritt war sehr billig (wir gingen als Studenten rein und zahlten umgerechnet je 1,50€) und das Haus, bzw. die darin ausgestellten Stücke, sehr schön. Nach dem Besuch setzten wir uns in ein Kafé, redeten für eine Weile und brachen nach einer Stunde Richtung Metro auf. Wir gingen extra einen großen Schlenker und überquerten so zwei Mal die Mockba und durchquerten den Gorki-Park bevor wir da waren. Danach ging ich relativ erschöpft, aber glücklich, nach Hause.
Sonntag ging ich mit Klassenkameraden zum Gorki-Park. Wir hatten alle ein bisschen Energie aufgetankt und waren deshalb bester Dinge. Im Park gab es sehr viel zu tun. Es gab überall Tischtennistische, Kioske und Straßenbands. Der Park war voller Familien, Skatern und Fahrradfahrern, alles sehr dynamisch und laut, und es machte mich irgendwie glücklich. Am schönsten im Gorki-Park, fand ich die Tanzkurse, die direkt neben dem Fluss angeboten wurden. Jung und Alt tanzten Salsa, Reggaeton und Rock n' Roll an der Mockba entlang und hatten dabei offensichtlich sehr viel Spaß. Direkt daneben gab es eine Masse an Schaulustigen (wie wir), die zu schüchtern waren mitzumachen oder einfach den Anblick und die Musik genossen. Danach setzten wir uns an den Fluss, ruhten uns eine weile aus, bevor wir uns auf den Nachhauseweg machten.
Am 23.08. (ein Donnerstag) ging ich mit Mikel, meinem Slowakischen Klassenkameraden, nach "Moscow City". "Moscow City" ist eine nordwestlich von Moskau entstehende Skyline, in dessen Mitte es ein neues Einkaufszentrum gibt. Wir fuhren bis zu der neugebauten Metrostation, dessen Ausgang mitten im Einkaufszentrum mündete. Das Einkaufszentrum war riesig (5 Etagen), aber relativ verlassen. Nur jeder 3. Laden war besetzt und manchmal hörte man nur die entspannende Einkaufszentrum-Musik und unsere Schritte. Wir schauten uns ein paar Läden und eine kleine Ausstellung an und gingen dann etwas Essen.
Samstag gingen wir zu Dritt zu dem Tsaritsino Palast und dem umliegenden Park. Die konstruktion des Tsaritsinopalasts wurde durch die Zarin "Katharina die Große" angeordnet. Er wurde 1785 fertiggestellt. Die Zarin war jedoch nicht mit dem Palast zufrieden und ließ ihn 1786 teilweise wieder abreißen. Bis 1796 arbeitete ein anderer Architekt an dem Palast, welcher jedoch erst vor ein paar Jahren komplett fertiggestellt wurde.
Wir hatten relativ schönes Wetter, weshalb man überall junge Brautpaare sah, die sich vor dem See oder dem Palast ablichten ließen. Im Hintergrund tönten Liebeslieder aus Lautsprechern, was einen ziemlich kitschigen, aber dennoch schönen Eindruck gab. An dieser Stelle möchte ich einfügen, dass Russen meistens sehr jung und in großem Stil heiraten (um sich dann ein paar Jahre später scheiden zu lassen, wie ein Klassenkamerad von mir behauptet; aber das ist eine andere Geschichte). Samstags und Sonntags sieht mann überall große Limousinen und junge Paare, die wie Fotomodels posen, gefolgt von einem Troß aus Familie und Freunden. Zurück zum wichtigen. Wir liefen also durch den Park, machten Fotos, aßen Eis und gingen dann zusammen in eine Bar (es wurde schon Abend).
Ich bin heute zu meiner neuen Gastfamilie gezogen Hier gefällt es mir viel besser: ich wurde sehr herzlich empfangen, meine Gastmutter redet sehr gerne und nimmt sich Zeit für mich, um mir Russsich beizubringen. Ausserdem ist die Wohnung sehr sauber, mein Zimmer groß und dass Essen sehr gut. Hier gibt es ebenfalls 2 Katzen, die aber (im Gegensatz zu den anderen Katzen) keine Guerillaattacken auf mich starten und sich auch gerne streicheln lassen. Sie ruhen sich gerne auf meinem Bett aus während ich lese oder Blogposts schreibe und holen sich alle paar Minuten eine Streicheleinheit ab. Ich habe auch einen neuen Mitbewohner. Er heißt Tobias, kommt auch aus Deutschland und ist sehr nett. Mir gefällt’s hier also.
Heute traf ich mich mit den Leuten aus meinem Sprachkurs um nach „Sergiev Possad“ zu fahren. Sergiev Possad ist eine Art Vatikan für Orthodoxe, bekannt für das Dreifalitgkeits-Kloster. Wir nahmen eine „Elektritschka“, einen elektrisch Betriebenen Zug, der proppenvoll war und stark nach Wodka roch, und waren nach einer Stunde Fahrt da. Der Sergiev Possad war sehr schön, aber voller Pilger und Touristen. Es gab eine Wasserfontäne mit magischem Wasser, welches ich natürlich auch sofort Probierte. Es schmeckte tatsächlich sehr gut, doch ansonsten spürte ich keine drastischen Veränderungen in mir. Danach standen wir für eine Stunde an einer Schlange, bevor wir kapierten, dass diese nur für Pilger war, die den Schrein des heiligen Sergij von Radonesh und seine Reliquien küssen wollten. Da wir nur die Kirche besichtigen wollten konnten wir an der Schlange vorbei in die Kirche, die von Gesang und Weihrauch erfüllt war. Danach gingen wir in ein kleines gemütliches, aber sehr überteuertes Restaurant in der nähe des Klosters.
Am Samstag traf ich mich mit Dima, meinem russischen Kumpel. Dima kommt aus Abakan aus der Region Chakassien und ist wie viele Russen nach Moskau gekommen, um Arbeit zu suchen. Er arbeitet gerade bei Aeroflot und hat dabei viel mit deutschen Kunden zu tun, weshalb er deutsch lernt. Ich lernte ihn über eine Kollegin aus meiner neuen Praktikum kennen und wir treffen uns öfters um Russisch bzw. Deutsch zu sprechen. Wir gingen mit einem Kumpel von ihm in ein Einkaufszentrum und spazierten danach über den roten Platz. Abends trafen wir uns mit einem anderen Kumpel von ihm und dessen Freundin und fuhren zu einem Kino am Rande der Stadt. Dort schauten wir uns Resident Evil 6 an (komplett auf Russisch, keine Untertitel). Zu unserer großen Überraschung und Freude war Moskau in dem Film Schauplatz. Und nicht nur das: Zombies in Sowjetuniformen und auf Motorrädern ratterten in dem Film über genau denselben Platz und durch genau dasselbe Einkaufszentrum in dem wir uns zwei Stunden zuvor aufgehalten hatten. Als der Film fertig war, fuhren wir zu Dima nach Hause und spielten dort Gesellschaftsspiele bis 3 Uhr morgens. Am nächsten Tag nahmen wir eine Elektritschka nach Moskau, fuhren an einer Metrostation vorbei, die auch im Film vorkam (Arbatskaya) und machten dort natürlich gleich Fotos. Danach fuhren wir nach Moscow-City, aßen dort etwas und spazierten dann zu einer modernen Brücke, die über der Moskwa hängt. Danach ging ich wieder nach Hause.
Moskau hat eines der meistbenutzten U-Bahnsystem der Welt. An die 1 000 000 Menschen benutzen täglich das U-Bahnsystem, das ist die Einwohneranzahl Brüssels. Um 8:00 strömt die Bevölkerung Moskaus die U-Bahnstationen. Am Eingang muss man sein Ticket an einer Kontrollschranke einlösen, rechts von diesen Kontrollschranken steht ein kleines altes Glashäuschen in dem meistens eine kleine alte Dame sitzt. Ihre Aufgabe ist es für Ordnung sorgen und zu kontrollieren ob jeder auch brav sein Ticket einlöst. Doch sie haben es oft schwer. Man hört ständig ein schrilles Pfeifen, wenn mal wieder einer über die Kontrollschranken gehüpft ist. Das ist dann aber auch alles, was die kleine alte Dame im kleinen alten Glashäuschen gegen die schnellen Hüpfer machen kann. Man geht weiter und landet in einem Stau an Menschen, dann kommt eine Rolltreppe. Man ordnet sich rechts ein und betrachtet auf dem Weg nach unten, die Werbeanzeigen von „Il Patio“, „Sushi“ und „H&M“. Dann kommt man unten noch einmal an einem kleinen Glashäuschen mit noch einer kleinen alten Dame vorbei und ist schließlich am Gleis. Die Metros fahren alle 43 Sekunden und sind trotzdem bis an den Rand überfüllt. Jede Metrostation ist Schauplatz eines kleinen Kampfes zwischen denen die raus wollen und denen die rein wollen. Es wird geschubst, gedrängelt und geflucht wie sonst nur bei einem Rugbymatch. „Dberi sakrivaetcja“ (Türen schließen) wird durchgesagt und die Türen schließen sich „sleduische stanzie Крапотинская“ (nächste Haltestelle Krapotinskaya). Die Metro braust los, hält eine Minute später an der nächsten Station an. Hat man sich schlecht platziert, wird man mit der Menschenmasse rausgespült. Doch mit der Zeit weiß man, wo man sich hinstellen sollte und welche Stellen man vermeiden sollte. Die meisten Leute lesen, manche schlummern noch vor sich hin. Irgendwann sagte die Stimme der Lautsprechanlage meine Metrostation an. Ich steige aus, folge der Menschenmasse bis zur Rolltreppe, bis ich wieder an der frischen Luft bin. Ich atme tief durch, lächele innerlich und gehe zur Arbeit.